Heute vor vier Wochen sind wir hier im "Ritz" eingezogen. Zeit, mal zusammenzufassen, warum wir diese Art zu wohnen mittlerweile jedem Hotel vorziehen wuerden.
- Es ist billiger; zwischen 20 und 25$ pro Nacht. Und wenn man gleich fuer eine Woche im voraus bucht, kriegt man eine Uebernachtung umsonst.
- Drei bis fuenf Stockbetten in einem Zimmer, da fuehlt man sich automatisch in die Schullandheim-Kindheit zurueckversetzt.
- Entweder man baut auf die Faehigkeit, sofort tief und fest einschlafen zu koennen. Oder man kauft sich Ohrenstopsel und Augenklappe. Denn nicht alle Menschen gehen um dieselbe Zeit ins Bett. Nicht alle Menschen verfuegen ueber einen geraeuscharmen Schlaf. Nicht alle Menschen sehen ein, dass lautstarke bier- und weedselige Unterhaltungen mitten in der Nacht als stoerend empfunden werden koennen. Manchmal passieren Dinge in einem anderen Bett, die man einfach nicht wissen will. Und ausserdem liegen die besten Hostels meist an vielbefahrenen und nachtaktiven Strassen.
- Jungs und Maedels sind bunt gemischt. Auch Klos und Duschen sind fuer alle da. Hat den Vorteil, dass man nicht so lang auf ein freies Plaetzchen warten muss. Und irgendwann findet man es normal, vor seinem Geschaeft erst die Klobrille runterklappen zu muessen oder sich die Zaehne neben einem wildfremden Kerl zu putzen - selbst wenn man noch im Schlafanzug steckt und eine Frisur hat wie eine explodierte Klobuerste.
- Manchmal ergeben sich reine Maedchenzimmer. Da kann man sich dann zwar ungeniert umziehen, aber dafuer ist der komplette Fussboden voller Gewand und Geruempel (es gibt tatsaechlich Backpackerinnen, die Glaetteisen bzw. Lockenstab, ueber zehn Paar Schuhe und einen Schubladen voller Halsketten durch ganz Australien schleppen).
Larry, unser Zimmergenosse vor dem Spiegel. Der braucht fuer seine Frisur mindestens so lang wie Babsi und ich zusammen. Und heute hatte er ein Vorstellungsgespraech, deswegen der Anzug.
- Streitpunkte: Fenster auf/zu bei der Nacht und Verdunklungsvorhang auf/zu.
- Sobald jemand klaut oder im Zimmer raucht, hat der Spass ein Loch. Letzte Woche haben Babsi und ich drei Typen rausschmeissen lassen, die unertraeglich waren.
- Zu seinen Zimmergenossen braucht man ziemlich grosses Vertrauen, denn man hat sein ganzes Hab und Gut unverschlossen und fuer jeden zugaenglich rumliegen.
- Wichtigste Treffpunkte sind der Gemeinschaftsraum mit Couchen und Fernseher und natuerlich die grosse Kueche.
- Jedes kostenlose Zuckerl ist Gold wert: Fahrradverleih, Eventtickets, Biergutscheine, Pfannkuchen zum Fruehstueck, Veranstaltungen wie Karaokeabend...
- ... denn man gibt unendlich viel Geld fuer Basics wie Waschmaschine und Trockner (3$), Internet (4$ pro Stunde), Essen, Tramtickets (6$ pro Tag) usw. aus.
- In der Kueche gibt es mehrere grosse Kuehlschraenke und Regale, in denen man seine Vorraete lagern kann. Was nicht mit Namen und Zimmernummer etikettiert ist, landet in der "Free Food"-Kiste (manche Leute leben davon!!) oder im Abfall.
- Die Essgewohnheiten der verschiedenen Bewohner sind oft Anlass zu lustigen Diskussionen. Wenn einer zum Beispiel Bohnen am fruehen Vormittag in sich reinschaufelt, dann eruebrigt sich die Frage nach seiner Herkunft. Andererseits muessen wir uns immer fuer unser Muesli mit Joghurt rechtfertigen. Und fuer unseren Fruechtetee und fuer ein warmes Mittagessen.
- Bewundernswert ist, was viele Leute hier Abend fuer Abend mit einfachsten Mitteln auf den Tisch zaubern. Zwar essen einige auch nur Nudeln mit Ketchup, aber so Gerichte wie Steak, Lasagne, Salat, Gemuesepaella, Chili con Carne, ja sogar selbst gebackener Kuchen sind keine Seltenheit.
Das war heute Abend, wir hatten Nudeln mit Gickerlbrust in Chilisosse, dazu geduenstete Schwammerl und Gemuese und natuerlich einen Salat. Nicht schlecht, oder?
- Geschirr benutzt man am besten, ohne sich gross Gedanken darueber zu machen. Denn nicht jeder hier ist mit der Handhabung von Spuelmittel, Schwamm und warmem (!) Wasser vertraut.
- Ueberhaupt ist ein stabiles Immunsystem das A und O, wenn man in eine derartige Niedrigbudget-Herberge zieht: Nicht nur, dass die Kuehlschraenke oft einen verdaechtig strengen Geruch haben (Nein, Gickerlfleisch haelt sich nicht laenger als eine Woche. Auch wir lernen dazu...) und Geschirrtuecher zu allem Moeglichen hergenommen werden. Leider hinterlassen viele Leute die sanitaeren Anlagen nicht so sauber, wie man es gerne haette. Und zu allem Ueberfluss muss man sich manche Betten auch noch mit Bettwanzen teilen, die haesslich rote, juckende Flecken auf der Haut hinterlassen (Babsi und ich sind bisher noch verschont geblieben - toi, toi, toi!).
- Auf dem Gang findet man riesige Pinnwaende voller Jobangebote, Suche/Biete Mitfahrgelegenheit, Kaufe/Verkaufe Auto etc.
- Typischer Smalltalk unter Backpackern: "Wie heisst du? Woher kommst du? Wo warst du schon und wie geht die Reise weiter? Wie lange bleibst du in Australien? Was arbeitest du hier?". Am naechsten Tag hat man die Antworten zwar schon wieder vergessen, aber manche Geschichten bleiben einem doch in Erinnerung.
- Auf jeden Fall gibt es keine bessere Moeglichkeit, Gleichgesinnte kennenzulernen. Und nachdem wir die drei Wilden endlich losgeworden sind, sind Larry, Stuart, Joanna und Bev bei uns eingezogen - das hat auf Anhieb hingehauen. Am zweiten Abend haben wir miteinander einen Grosseinkauf gestartet und sind in einen Stadtpark marschiert, wo wir uns ein typisch australisches Barbecue gemacht haben.
Es gab Steak, Wuerstl, Gickerlspiesse...
Knoblauchbrot, Maiskolben...
Salat, Chips, Wein und Bier. Das Coole daran ist, wenn man sich die Kosten fuer so ein Abendessen teilt, kommt jeder auf nur 10 $!
Hier seht ihr Karen, die Glueckliche: Sie baeckt jeden Morgen Pfannkuchen fuer uns, und dafuer kann sie kostenlos im Hostel wohnen.
- An den meisten Abenden findet man irgendwen, der mit ins Pub geht.
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