21 September 2006

Weltwissen, das niemand braucht (Update vom Januar)

Ach, hier kann man wirklich viel lernen. Nichts Weltbewegendes, aber interessante Details ueber ein besonderes Inselvolk, das ich immer mehr ins Herz schliesse. Dabei hoffe ich allerdings, dass ich nicht allzu viel von dem Lifestyle hier annehme...
  • Wer haette gedacht, dass Hochzeitstorten in England aus dem uns Bayern wohlbekannten "Gletznbrot" bestehen? Nur, dass es hier halt mehrstoeckig, total trocken und mit einer zentimeterdicken Marzipan- und Zuckerglasur ueberzogen ist. Mmmmh... Gleich nach dem Anschneiden verschwindet die komplette Torte wieder in der Kueche, wo sie in mundgerechte Happen geschnitten und auf Platten angerichtet wird.
  • Apropos Hochzeiten: Von Oberposh bis Spanferkel-BBQ habe ich jetzt schon Einiges gesehen. Wer's mag...
  • Folgende Situation erlebe ich staendig: Irgendwelche Eingeborene, die mich anhand meines Akzents als Auslaender klassifizieren, fragen mich nach meiner Herkunft. Wenn ich "Munich" oder "Bavaria" angebe, bekomme ich Komplimente ueber meine Heimat und deren Eignung als Urlaubsort zu hoeren - wenn ich "Germany" sage, werde ich dafuer gelobt, dass ich sehr gut Englisch spreche.
  • Abgesehen davon, dass Fahrzeuge hier dem Linksverkehr angepasst sind, gibt es noch weitere Unterschiede zu denen auf dem Kontinent: Opel heisst hier Vauxhall und hat als Emblem eine Art Kreuzung zwischen Fuchs und Schwan. Renault Twingo gibt es gar keine (Schnief!). Die Nummernschilder sind aus Plastik, vorne weiss und hinten gelb. Ganz besonders gefaellt mir, dass Blinker und Scheibenwischer nicht bei jedem Auto gleich verteilt sind, sondern je nach Fabrikat entweder wie bei uns oder eben umgekehrt. Anstatt der Strassenleitpfosten wie in Deutschland sind im UK in der Mitte der Fahrbahn kleine Reflektoren angebracht - aber nur ausserorts. Und nur auf groesseren Strassen. Und nur, solange sie nicht weggebrochen sind.
  • Tuerklinken sind in England traditionellerweise huefthoch angebracht. Warum, das weiss hier keiner so genau. Auf jeden Fall ist es ganz schoen doof, wenn man vollbeladen ankommt und mit dem Ellenbogen versuchen will, die Tuer aufzukriegen...
  • Den niedlichsten Akzent auf Erden haben wohl Englisch sprechende Franzosen. Man versteht zwar nicht immer, was sie sagen, aber es ist schoen zuzuhoeren. So schoen, dass sich sogar einmal ein paar weibliche Gaeste erdreistet haben, Julien einen einzigen Satz mindestens fuenfmal wiederholen zu lassen, nur um seinen Akzent zu hoeren - obwohl sie ihn gleich beim ersten Mal verstanden haben!!
  • Als Beispiel: [bi'ytif'yle] heisst "beautiful"
  • Auch nicht schlecht sind Englaender, die sich in Franzoesisch versuchen. Bis ich kapiert habe, dass das Gericht in meinen Haenden ein Ratatouille sein soll, war es schon fast kalt. Und wenn ein Gast Wein bestellen will, lass ich mir grundsaetzlich die Zeile in der Weinkarte zeigen, damit er den richtigen kriegt.
  • In England gibt es weit mehr schwangere und Kinderwagen schiebende Frauen als bei uns. Dank der schlauen Politik ist der Anteil schwangerer Teenager wahnsinnig hoch, denn diese bekommen von der Regierung ein Haus (!) kostenlos zur Verfuegung gestellt. Und das scheint viele Minderjaehrige davon zu ueberzeugen, dass sie schon reif fuer ein Kind sind.
  • Dass das nicht unbedingt der Wahrheit entspricht, zeigt die unglaubliche Dummheit, mit der sich besagte Jugendliche auf die Entbindung vorbereiten: Viele von ihnen rauchen und saufen, was das Zeug haelt, damit sie die koerperliche Entwicklung des Babys hemmen und somit eine leichtere Geburt erwarten koennen.
  • Nur, weil irgendwer chinesisch aussieht und ein chinesisches Lokal betreibt, kann er noch lange kein Chinesisch. Die Speisekarte im chinesischen Take away ist auf Englisch, und wer "crupuk" statt "prawn crackers" bestellt, erntet nichts als einen absolut verwirrten Blick.
  • Wer ein bisschen abspecken will, kann eine Diaet machen. Wer vorhat, nach spaetestens zwei Wochen seine Jeans ausziehen zu koennen, ohne die Knoepfe aufzumachen, sollte nach England ziehen und sich von Kantinenfrass ernaehren. Hilft garantiert, auch bei so diaetresistenten Leuten wie bei mir. Denn wer wird schon von lapprigem Toastbrot satt? Und wer hat noch einen Funken Appetit, wenn er um sieben Uhr morgens Fisch und Schwammerl servieren muss?
  • Italien und Grossbritannien liegen weit auseinander. Nix Neues? Naja. Wie weit die beiden Laender wirklich voneinander entfernt sind, hab ich erst gemerkt, als ich in der Arbeit dazu gezwungen wurde, Kabapulver auf den Cappuccino zu streuen... Ich haette fast geheult!
  • Mit guten Polnischkenntnissen kommt man ziemlich gut durch, vor allem in Southampton: Von gut 200.000 Einwohnern sind ueber 70.000 Polen. Im Careys Manor Hotel sind die meisten Housekeeping-Leute Polen.
  • Jede Steckdose hat einen zusaetzlichen Schalter, mit dem man sie an- und ausknipsen kann. Und damit Verlaengerungskabel ihren Sinn nicht verlieren, haben auch diese einen Knopf zum Einschalten.
  • Um richtiges Englisch sprechen zu koennen, bedarf es eines gezielten Stimmtrainings, das die Stimme um etwa eine Oktave hoeher schraubt. Unabhaengig von Uhrzeit, Stimmung oder Bekanntheitsgrad quietscht man sich dann ein freundliches "Hallo, how are you?" entgegen, um nicht unhoeflich zu erscheinen. Besonders wenn man kurz davor erst in Italien war, wo bekanntlich sehr tief gesprochen wird, klingt Englisch irgendwie komisch.
  • Ein spezieller Fall britischen Humors scheinen die staendigen Feueralarme zu sein (auf Deutsch gibts da glaub ich nicht einmal einen Plural, faellt mir auf). Die Sicherheitssysteme in allen oeffentlichen Gebaeuden sind dermassen empfindlich, dass man jederzeit mit einer Evakuierung rechnen muss. Jederzeit! Wenn die Sirenen losgehen, muss man schon mal zu nachtschlafender Zeit barfuss und im Morgenmantel mit zerzausten Haaren sein teures Hotelzimmer in Richtung "Fire assembly point" verlassen. Oder auch seine eigene Hochzeit fuer eine Viertelstunde unterbrechen.
  • Noch lustiger ist es, wenn man sich gerade wieder hingesetzt hat und der Alarm von Neuem losgeht. Ich persoenlich bin jedes Mal genervt, aber wie gesagt: Hierzulande scheint es zum Humor zu gehoeren...
  • Als Brite bzw. Amerikaner hat man das Glueck, dass die meisten anderen Leute Englisch sprechen und man selbst also so gut wie nie in der Situation ist, eine Fremdsprache sprechen zu muessen. Das fuehrt leider dazu, dass viele Briten und Amerikaner glauben, ihr jeweiliger Gespraechspartner versteht ihren Dialekt, egal wie schnell und schlampig er gesprochen wird, auf Anhieb.
  • Abgesehen davon erlebe ich hier eine Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Selbstverstaendlichkeit uns Auslaendern gegenueber, wie sie in Deutschland wahrscheinlich in 50 Jahren noch nicht verwirklicht sein wird. Da haben wir echt noch Einiges zu lernen!
  • Umgekehrt koennten sich die Briten eine Scheibe (oder zwei!) von den deutschen Strassen abschneiden. Denn es ist wirklich eine Ausnahme, wenn man hier eine eben geteerte Flaeche von mehr als einem Quadratmeter findet. Vor allem als Fussgaenger in der Nacht lebt man gefaehrlich: Da in Brockenhurst ein empfindlicher Mangel an Strassenlaternen herrscht, sieht man nie, wo man hinsteigen kann und wo eine Riesenpfuetze mitten auf dem Gehsteig ist. Bei Trockenheit waechst in den Loechern sogar Gras!
  • Bei festlichen Angelegenheiten tragen Damen Huete oder andere komische Kopfverzierungen. Das ist tatsaechlich nicht nur bei den Royals ihren Hochzeiten der Brauch!
  • Nach Beerdigungen trifft man sich zum Essen, das ist ja bei uns auch so. Aber einen Sektempfang hab ich auf einer Kremnis noch nie gesehen, und dass Leute so betrunken sind, dass sie ueber ihre eigenen Fuesse fallen, find ich schon fast pervers...
  • Die Sirenen von Feuerwehr, Polizei und Sanka sind gegen den Doppler-Effekt immun. Kann mir das einer erklaeren, bitteschoen? Vielleicht, weil sie auch so schon schlimm genug sind.
  • Jetzt Ende November hab ich rausgekriegt, warum Damen mit kurzen Haaren hier so selten sind: Ein ordinaerer Pferdeschwanz ist nach einem Regenschauer/Sturm/Hagel einfach viel schneller wieder hergestellt als eine aufwendige Frisur.
  • "Lovely", "Darling", "Sweetheart": Die Englaender haben es mit Kosenamen. Nicht nur fuer Familienmitglieder, sondern auch fuer alle Bedienungen, Kinder, Kollegen, Klienten usw.
  • "Durchfall", "Handschuh", "Muskelkater", "Staubsauger": Wenn ich diese Begriffe woertlich uebersetze, schmeissen sich meine Kollegen regelrecht weg. Einige haben den "Throughfall" und den "Dustsucker" schon in ihren Wortschatz uebernommen;-) Fallen euch noch mehr Beispiele ein?
  • Danke fuer eure Hilfe! Hab meine Liste jetzt um "breastholder", "cool cupboard", "early piece", "evening dress", "evening food", "hand sheet", "sick house", "guide certificate" und "backsightless" erweitert.
  • Andersrum geht's auch: "Tassenbrett", "jeder Koerper", "kein einer", "brich Fasten", "Sitzguertel".
  • Gluehbirnen haben kein Gewinde, das man in die Fassung schraubt, sondern zwei Nasen, mit denen man sie einsteckt. Hab ich neulich entdeckt, als ich eine Lampe ausgewechselt habe. Uebrigens: "glow pear" ist doch nicht schlecht, oder?
  • Was den Deutschen der Emmentaler ist, ist in England der Cheddar: Egal, ob als Brotbelag, auf die Pizza oder zum Dessert - dieser Kaese ist allgegenwaertig!
  • Waehrend die deutsche Oberschicht ihre Jaguars hochstens bei schoenem Wetter an die frische Luft laesst, und dann auch nur auf ausgewaehlten Routen, sieht man diese Nobelkarossen in England auch im Winter und auch auf Feldwegen rumkurven.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

War gestern eine Stunde alleine mit dem Auto unterwegs und hatte Zeit, nachzudenken:

Abendkleid: evening dress
Kühlschrank: cool cupboard
Frühstück: early piece
Abendessen: evening food
Handtuch: hand sheet
Krankenhaus: sick house
Büstenhalter: bossom holder
Führerschein: guide certificate

Anders rum ist es aber auch nicht besser:
Breakfast: Pause schnell
Cupboard: Tassenbrett
everybody: jeder Körper